Warum das armenische Kulturerbe die Ansprüche Aserbaidschans auf Berg-Karabach gefährdet

Aserbaidschan fährt fort, die armenische Geschichte zugunsten einer verrufenen Theorie auszulöschen, wonach die christlichen Stätten der Region von einer mittlerweile ausgestorbenen Ethnie, den kaukasischen-Albanern, errichtet wurden


Yelena Ambartsumian / 12. Februar 2021 / erschienen in: „Hyperallergic“ Sunday edition


Gegen 3:00 Uhr am Morgen des 27. September summte mein Telefon mit Nachrichten, dass Aserbaidschan einen Luftangriff auf Berg-Karabach gestartet hätte – eine gebirgige Binnenregion im Südkaukasus, die von 150.000 ethnischen Armeniern bevölkert und kontrolliert, aber von Aserbaidschan beansprucht wird. Berg-Karabach (auf Armenisch historisch „Arzach“ genannt) ist die Heimat einer der ältesten indigenen christlichen Bevölkerungsgruppen der Welt, die überlebt hat, obwohl ihre Geschichte um Jahrhunderte älter ist als das Christentum. Seine raue und gebirgige Landschaft diente den frühen Christen im 2. bis 4. Jahrhundert als Zufluchtsstätte vor der Verfolgung und später als Bollwerk gegen die Islamisierung, die über den Kaukasus hinwegfegte und die meisten Einwohner in den tiefergelegenen Ebenen im Osten Karabachs [zum Islam] konvertierte. Heute ist seine kulturelle Topografie dicht bedeckt mit Festungen über den Schluchten, fein behauenen Kreuzstein-Monumenten mit alten Ewigkeitssymbolen und mit jahrhundertealten Klöstern mit befestigten Mauern, die ein lebendiges Zeugnis von der ständigen Präsenz der Armenier ablegen.

Die Chatschkare in Dadivank im Jahre 2015. Fotos von Yelena Ambartsumian

An diesem Sonntagmorgen wurde sowohl die Bevölkerung als auch das kulturelle Erbe angegriffen. Während der halbgefrorene Konflikt in den letzten zwei Jahrzehnten viele Scharmützel und Verstöße gegen den Waffenstillstand gesehen hat, fühlte es sich diesmal anders an. In der Tat war es auch so. Meine Angehörigen machten umgehend mobil, um mit ihrer Verteidigungsarmee, ihre Dörfer zu beschützen, während ihre Familien sich in Bunkern, Notunterkünften und dichten Wäldern  versteckt hielten. Aber im Gegensatz zum Berg-Karabach-Krieg in den frühen 1990er Jahren nach dem Zerfall der Sowjetunion – dem antiarmenische Pogrome in Baku, Aserbaidschan, (Link: https://en.wikipedia.org/wiki/Baku_pogrom) vorausgingen, was meine Familie und mich zu Flüchtlingen machte – mussten sich meine armenischen Mitbürger nicht nur gegen die aserbaidschanischen Soldaten, die sich mit dem gebirgigen Charakter des Gebietes weniger auskennen, zur Wehr setzen, sondern auch gegen israelische und türkische Drohnen (Link: https://www.rferl.org/a/turkish-and-israeli-drones-big-impact-on-nagorno-karabakh-conflict/30896243.html ), die sie von oben leicht treffen konnten, und gegen die islamistischen Söldner aus Nord-Syrien (Link: https://www.opendemocracy.net/en/north-africa-west-asia/what-are-syrian-mercenaries-doing-azerbaijan/ ) – das Alles mit der logistischen und taktischen Unterstützung des ethnischen und militärischen Bündnispartners Türkei.

Am 07. Oktober schlief ich ein, während ich meine Fotos von Berg-Karabach durchblätterte. In dieser Nacht träumte ich davon, wie ich die Heilige Erlöser-Kathedrale (Ghazantschezoz-Kathedrale) in Shushi (Link: https://en.wikipedia.org/wiki/Ghazanchetsots_Cathedral ) aufsuchte und noch einmal in den kleinen, kreisförmigen Raum hinter dem Altar eintrat, wo man beten und seine Stimme 360° um den eigenen Körper hören kann. Ich schloss meine Augen und beschritt den Weg von der Kathedrale zur Seidenstraße, die durch Shushi führt und auf der meine Ur-Ur-Großväter mit ihren Karawanen in den Iran und darüber hinaus gezogen waren. Wir waren erst eine Woche im Krieg und ich sehnte mich nach Frieden und stellte mir bereits vor, wie ich beim Wiederaufbau von Berg-Karabach helfen könnte.

Der Altar von Gtitschavank im Jahr 2015, bedeckt von Streichholzschachteln und Schichten von Kerzenwachs, was darauf hindeutet, dass lokale armenische Christen die Kathedrale weiterhin aus frommen Anlässen aufsuchten, obwohl sie in der Sowjetzeit nicht instandgehalten worden war.

Rückblickend waren diese Gedanken ein fantastischer Abwehrmechanismus. In Wirklichkeit war ich mir sehr wohl bewusst, dass vor genau 100 Jahren, im Jahre 1920, die Aserbaidschaner (oder vielmehr die kaukasischen Tataren, wie sie zu dieser Zeit noch allgemein genannt wurden) mit Hilfe ihrer ethnischen Bundesgenossen, den osmanischen Türken – gerade erst nach ihrem Völkermord an 1,5 Millionen Armeniern – jeden verbliebenen Armenier in Shushi ermordeten, 7.000 armenische Häuser und Geschäfte niederbrannten und die armenischen Kirchen der Stadt zerstören. Zu dieser Zeit war Arzach zu 90% armenisch, die territoriale Kontrolle über die Region war jedoch im Fluss. Wegen der Ansprüche der kaukasischen Tataren auf die armenischen Gebiete, einschließlich Arzach, Zangezur und Nachitschewan, lehnte der Völkerbund im Dezember 1920 den Antrag der neu gegründeten Aserbaidschanischen Demokratischen Republik auf staatliche Anerkennung ab, mit der Begründung, dass es unmöglich ist, die genauen Grenzen des Gebiets zu definieren, über das sie ihre Macht erstreckt.

In der Tat entstanden in der Folgezeit nach der russischen Revolution mehrere Nationalstaaten im Transkaukasus und versuchten, ihre Grenzen zu definieren, was oft in interethnische Gewalt mündete. Inmitten des Chaos dieser blutigen Nationenbildung versuchten die Briten, Deutschen  und Türken jeder für sich die ressourcenreiche Stadt Baku im heutigen Aserbaidschan und dessen Ölreserven unter ihre Kontrolle zu bringen. (Zu diesem Zeitpunkt lebte meine Familie bereits in Baku und arbeitete in der Öl- und Gasindustrie, wie viele andere Armenier aus Arzach). 1920 stärkten die Sowjets ihren Einfluss auf Baku, was für die Energieversorgung der Sowjetunion von entscheidender Bedeutung war. Mit Hilfe gewisser ethnisch armenischer Gruppen stürzten die Bolschewiken die aserbaidschanische Demokratische Republik und ersetzten sie durch die neu gebildete Aserbaidschanische Sozialistische Sowjetrepublik („SSR“). Bald darauf, offensichtlich unter dem Druck der Türkei und um die Aserbaidschanische SSR wohlzustimmen, schnitt Joseph Stalin Arzach vom Mutterland Armenien heraus und gliederte es in die neu gegründete und ölreiche Aserbaidschanische SSR ein. Als ein halbherziger Trost an die Armenier und womöglich aus der Erkenntnis heraus, dass Arzach seit über zweitausend Jahren eine multiethnische aber dennoch eine armenische Bevölkerungsmehrheit hatte, wurde die Region zu einem autonomen, größtenteils selbstverwalteten Gebiet (Das Autonome Gebiet von Berg-Karabach) mit Shushi als Verwaltungszentrum.

Nachdem die Armenier die Ghazantschezoz-Kathedrale im Karabach-Krieg der 1990er Jahre von den Aserbaidschanern zurückerobert hatten, beschlossen sie, gewisse Elemente von der Zerstörung der Kathedrale als Erinnerung für künftige Generationen stehen zu lassen – einschließlich dieses Beispiels, auf dem das Antlitz Jesu und der größte Teil seines Körpers herausgebrochen worden waren – vermutlich durch aserbaidschanische Bilderstürmer (2015).

Nach meinem Traum von der Rückkehr nach Shushi wachte ich am nächsten Morgen, dem 08. Oktober, mit den Bildern der Ghazantschezoz-Kathedrale auf. Aserbaidschan hatte die historische Kathedrale von Shushi nicht ein, sondern zwei Mal getroffen. Der zweite Treffer verletzte, den Berichten zufolge durch eine mit Raketen bewaffnete Drohne, drei Journalisten, die gekommen waren, um den Ort des ersten Einschlags zu dokumentieren. Da ich mehrere Male in Shushi gewesen war, begriff ich, dass dieser Treffer kein Zufall gewesen sein konnte. Das einzige Gebäude in der Nähe der Ghazantschezoz-Kathedrale ist ein Wohngebäude aus der Sowjetzeit. Es gab keine militärischen Ziele. Wie wir bald erfahren sollten, hatten Mütter mit ihren Kindern im Keller der Kathedrale Zuflucht gesucht, um Schutz vor aserbaidschanischen Luftangriffen und Drohnenattacken zu finden. Aserbaidschan dementierte, die Kathedrale beschossen zu haben und bezeichnete solche Anschuldigungen als „fake news“  und „schwarze Propaganda“ – wie es für sein autokratisches und totalitäres Regime üblich ist, wenn es nach seinen Kriegsverbrechen und Verletzungen der Menschenrechte gefragt wird. Derweil schaute ich mir am 09. Oktober 2020 im russischen Nachrichtenprogramm „Abend mit Wladimir Solowjew“ an, wie ein russisch-aserbaidschanischer Journalist die Ansicht vertrat, dass der Angriff, sollte er stattgefunden haben, gerechtfertigt sei, weil dort armenische Soldaten die Ghazantschezoz-Kathedrale zum Gebet benutzten und Aserbaidschan diese armenischen „Terroristen“ – in welcher „Toilette“ auch immer – auslöschen müsse (Link: https://www.youtube.com/watch?v=Xox3PTSROEs&t=418s ). Während Soldaten, die in einer Kirche beten, keine Rechtfertigung dafür sein können, dass eine religiöse oder kulturelle Stätte nach internationalem Recht in ein militärisches Objekt umfunktioniert wird, ist es ein beredtes Beispiel davon, wie das heutige despotische Aserbaidschan die Aserbaidschaner lehrt, die Armenier oder das armenische kulturelle und religiöse Erbe anzusehen.

Blick von der Ghazantschezoz-Kathedrale im Jahre 2010. Mit freundlicher Genehmigung der Autorin.

Der Krieg dauerte über einen Monat. Fast täglich erhielt ich von meinen Freunden vor Ort beunruhigende Nachrichten über den offensichtlichen Einsatz von Streumunition in Wohngebieten, Enthauptungen und Verstümmelungen von Kriegsgefangenen und gefangenen Zivilisten und den Einsatz von Brandbomben, die in dichten Wäldern von Berg-Karabach außerhalb des Dorfes Nngi, dem Heimatdorf meiner mütterlichen Linie, niedergingen – begleitet von Videoaufnahmen in den Sozialmedia-Kanälen – nur damit die meisten Nachrichtenkanäle und zahlreichen Regierungs- und Nichtregierungsorganisationen „beide Seiten“ aufrufen, die Feindseligkeiten zu beenden, oder schlimmer noch, um die unbegründeten und unlogischen Anschuldigungen des aserbaidschanischen Regimes (unterstützt und wiederholt von türkischen offiziellen Stellen und Medien) zu wiederholen, es seien ethnische Armenier, die hinter solchen Verbrechen und „Provokationen“ stecken würden.

Am 10. November stimmten Armenien und Aserbaidschan einem von Russland vermittelten Waffenstillstand zu (das Dreierabkommen), welcher zwei Drittel von Berg-Karabach, einschließlich Shushi, Aserbaidschan überließ und eine Präsenz von russischen Friedenstruppen in der Region auf Widerruf willkommen hieß. Die Parallelen zwischen dem heutigen Konflikt und dem, was vor hundert Jahren geschah, konnten nicht deutlicher sein. Die einzige neue Dimension war jedoch die Macht der sozialen Medien – darüber, wie wir unsere Informationen über das Geschehen am Boden bekamen und wie das aserbaidschanische Regime die Desinformationen ausstreute, an die die internationale Gemeinschaft glauben sollte.

Unmittelbar nach dem Waffenstillstand nutzten aserbaidschanische Politiker Twitter (die Sozialmedia-Plattform ihrer Wahl), um ihren Sieg bei der „Befreiung“ von Berg-Karabach zu erklären (unabhängig davon, dass Berg-Karabach zu keinem Zeitpunkt von einem postsowjetischen unabhängigen Aserbaidschan regiert worden war) und um die haltlose Theorie zu vertreten, dass die jahrhundertealten religiösen Stätten nicht armenisch, sondern allesamt kaukasisch-albanisch seien (eine Stammesföderation aus dem 2. Jahrhundert v. Chr. und später ein Königreich im Kaukasus, welches sie als proto-aserbaidschanisch und als Ureinwohner von Berg-Karabach ansehen – eine Behauptung, die von keinem ernsthaften Gelehrten unterstützt wird). Dieser revisionistischen aserbaidschanischen Sozialmedia-Aktivität wurde von Institutionen, wie dem Metropolitan Museum of Art, als auch von internationalen Gelehrten in einem offenen Brief mit einem zeitgleichen Appell begegnet, das armenische kulturelle Erbe zu bewahren – es kam sogar zu einer persönlichen Warnung des russischen Präsidenten Wladimir Putin an Aserbaidschan, dass die christlichen Stätten geschützt werden müssen.

Ich war vor einigen Jahren auf die kaukasisch-albanischen Behauptungen von Aserbaidschan gestoßen, als ich untersuchte, welche Schutzmaßnahmen für das armenische kulturelle Erbe in Berg-Karabach unter aserbaidschanischer Kontrolle nach internationalem Recht überhaupt bestehen würden. Das war besonders wichtig, da die Armenische Republik von Arzach, in welcher sich das kulturelle Erbe (bis zum trilateralen Abkommen) befand, eine Republik ist, die von keinem anderen Land anerkannt wird, was ein Problem zum internationalen Schutz dieses Erbes darstellt, da die meisten zwischenstaatlichen Organisationen auf dem Prinzip der staatlichen Souveränität aufgebaut sind – anstelle der Rechtstaatlichkeit. Zu dem Zeitpunkt glaubte ich, dass, wenn die Verhandlungen unter der Aufsicht der Minsker Gruppe der OSZE nach fünfundzwanzig Jahren scheitern und ein neuer Krieg ausbricht, Aserbaidschan erneut absichtlich das kulturelle und religiöse Erbe ungestraft angreifen würde, wie es im Karabach-Krieg der 1990er Jahre der Fall war. Die kaukasisch-albanische Behauptung ist jedoch eine Bedrohung für das armenische Kulturerbe in Friedenszeiten – oder in anderen Worten, wenn sich das armenische kulturelle Erbe sich – wie auch immer – innerhalb der Grenzen von Aserbaidschan befindet. Und leider gibt es im Völkerrecht keinen formellen Mechanismus, der diese Stätten vor der absichtlichen Zerstörung Aserbaidschans schützen könnte.

Überreste der Zerstörungen an der Außenfassade von Gandzasar durch aserbaidschanische Luftangriffe in den 1990er Jahren sind bis heute sichtbar (2010).

Solange Aserbaidschan Anspruch auf Berg-Karabach erhebt, sind die armenischen Kulturerbestätten in der Region stark gefährdet. Weil diese Stätten dem Konzept einer aserbaidschanischen nationalen Identität zeitlich um über ein Jahrtausend (bei einigen Fällen sogar um zwei Jahrtausende) vorausliegen, weil viele von ihnen sogar der vorherrschenden Religion Aserbaidschans, dem Islam, zeitlich um Jahrhunderte vorausliegen, und weil sie dem Erscheinen der ethnischen Vorfahren der Aserbaidschaner, den türkischen Stämmen aus Zentralasien, zeitlich vorausliegen, gefährdet ihre Existenz und konterkariert in direkter Weise die historischen Ansprüche Aserbaidschans auf diese Region.

Aserbaidschan führt sein kaukasisch-albanisches Argument ins Feld, um sich dadurch an eine vergangene christliche Zivilisation im Südkaukasus zu binden, mit der Absicht, eine aktuell existierende loszuwerden. Ungeachtet der Propagierung der Idee, dass das armenische Kulturerbe kaukasisch-albanisch und somit proto-aserbaidschanisch sei, wie es für andere Regionen gilt, hielten derartige Behauptungen Aserbaidschan nicht davon ab, sowohl das bewegliche als auch unbewegliche armenische kulturelle Erbe innerhalb der sich wechselnden Grenzen Aserbaidschans zu zerstören. (Aserbaidschans jüngste Zerstörung von 89 armenischen Kirchen und Tausenden von mittelalterlichen Kreuzsteinen, genannt Chatschkare, und armenischen Grabsteinen in der Exklave von Nachitschewan – wie in „Hyperallergic“ berichtet – (Link: https://hyperallergic.com/482353/a-regime-conceals-its-erasure-of-indigenous-armenian-culture/) ist ein eklatantes Beispiel). Überdies hat Aserbaidschan, obwohl es die christlichen religiösen Stätten in Berg-Karabach als proto-aserbaidschanisch für sich reklamiert, keine der Hunderte von Kirchen oder Denkmälern in Berg-Karabach für die Liste der UNESCO-Weltkulturerbestätten nominiert. Es hat indes eine Festung in Shushi nominiert. (Armenien kann keine Stätten benennen, da die Vereinten Nationen Berg-Karabach als eine Region innerhalb Aserbaidschans ansehen – trotz der historischen Autonomie von Berg-Karabach zur Sowjetzeit und den späteren Referenden der Bevölkerung über Selbstbestimmung  während des Zerfalls der Sowjetunion).

Die Bedingungen des Dreierabkommens sehen vor, dass ethnische Armenier mehrere Bezirke in Berg-Karabach aufgeben müssen, einschließlich der Region Agdam, in der die teilweise freigelegten Überreste der armenischen Stadt Tigranakert aus dem 2. Jhdt. vor Christus liegen (Bei der letzten Aggression ebenfalls durch Aserbaidschan bombardiert), die Region Latschin (Kaschatagh auf Armenisch), welche die armenische Kirche und das ehemalige Kloster Tsitsernavank beherbergt und den Bezirk Kalbajar (Karvachar auf Armenisch), welche mehrere Juwelen des armenischen religiösen Erbes beherbergt. Im Jahre 2015 erhielt ich ein Forschungsstipendium der US-amerikanischen National Association for Armenian Studies and Research (NAASR) und machte mich auf den Weg, die kaukasisch-albanischen Ansprüche auf drei Kirchen zu untersuchen, die im 13. Jahrhundert gegründet oder renoviert worden waren – innerhalb der Klosterkomplexe von Dadivank und Gandzasar im Bezirk Kalbajar und Gtitschavank in Hadrut. Nach dem Dreierabkommen stehen die meisten dieser Klöster nun unter aserbaidschanischer Kontrolle und aus Gründen, die ich nachstehend darlegen werde, sind alle drei der Gefahr der kulturellen Auslöschung, wenn nicht sogar der vollständigen Zerstörung durch Aserbaidschan ausgesetzt.

Die Armenier sind seit über zwei Jahrtausenden ständig in Arzach präsent. 189 v. Chr. wurde die Region Berg-Karabach (damals „Arzach“ genannt) unter dem armenischen König Artasches zu einer der 15 Provinzen des armenischen Königreiches. Zwei der zwölf Apostel Christi (St. Thaddeus und St. Bartholomeus) waren die ersten Bekehrer der Armenier und erlitten im 1. Jahrhundert n. Chr. den Märtyrertod. Das Christentum verbreitete sich jedoch weiterhin in der gesamten Region – dank der Bemühungen des Hl. Gregor des Erleuchters, eines armenisch-parthischen Adligen, der in Kappadokien (in der heutigen Türkei) aufgewachsen war. Um 301 n. Chr. machte König Trdat III. das Christentum zur offiziellen Religion des Königreiches Armenien.

Karte des Königreiches Kaukasisch-Albanien – im Verhältnis zum Königreich Armenien im Jahre 387 n. Chr., bevor die armenischen Provinzen Arzach, Utik und Siunik mit dieser Region verschmolzen wurden, um unter den Sassaniden die Provinz Neu-Albanien zu bilden. Aus: https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/c/c9/Aghuank.jpg

Im Jahre 387 n. Chr. teilten das byzantinische und das sassanidische Reich das Königreich Armenien unter sich auf, mit der Folge, dass Arzach später, im Jahre 428, Teil der persischen Provinz Neu-Albanien wurde. Diese Provinz umfasste die armenischen Provinzen Arzach, Utik und Siunik sowie die Region Albanien, die von kaukasischen Albanern bewohnt wurde. Trotz der erfolglosen Kampagne der Sassaniden zur erzwungenen Assimilation behielten die lokalen Prinzen Neu-Albaniens ihre Autonomie weitgehend bei. Während dieser Periode der Autonomie erfand Mesrop Maschtoz das armenische Alphabet und gründete die erste armenische Sprachschule im Kloster Amaras (Link: https://en.wikipedia.org/wiki/Amaras_Monastery) in Neu-Albanien. (Maschtoz erschuf später ein Alphabet für die kaukasischen Albaner). (Link: https://en.wikipedia.org/wiki/Caucasian_Albanian_script).

Die Erschaffung des armenischen Alphabets im frühen 5. Jhdt. trug dazu bei, die armenische Kultur zu homogenisieren, da sie den Kirchen die Möglichkeit gab, ihre Liturgie schließlich auf Armenisch und nicht wie bisher auf Griechisch oder Syrisch abzuhalten. Mit einem Alphabet konnten sich die Armenier von den umliegenden Völkern unterscheiden und ihre eigene Kultur und Identität bewahren, trotz zahlreicher späterer Versuche von Imperien und Invasoren, sie zu unterwerfen und zu assimilieren. Die Trennung der armenisch-apostolischen Kirche von Byzanz nach der Ablehnung des Konzils von Chalcedon spielte eine wichtige Rolle bei der Auffassung der Armenier von ihrer inhärenten Einzigartigkeit.

In den nächsten Jahrhunderten kam es zu mehreren Migrationswellen durch Arzach, einschließlich der Araber, seldschukischen Türken und Mongolen. Die Araber kamen im 7. Jahrhundert an, usurpierten die sassanidische Präsenz in der Region und herrschten dort bis zum 10. Jahrhundert. Obwohl die Araber viele Einwohner Transkaukasiens zum Islam konvertierten, gelang es ihnen nicht den religiösen Charakter der meisten ethnischen Armenier zu ändern. In der „Geschichte der Albaner“ erklärt Movses Daskhurantsi im 10. Jahrhundert, wie sich die armenischen und kaukasisch-albanischen Adelsfamilien oft durch Mischehen verbündeten, um gegen die Araber zu kämpfen. Gegen Ende des 10. Jahrhunderts gab es keinen Unterschied mehr zwischen den armenischen und kaukasisch-albanischen Einwohnern Neu-Albaniens. Tatsächlich wurde der Fürst von Albanien am Ende der Chroniken von Daskhurantsi als „Abu Ali, der gebürtige Armenier“, Bruder des armenischen Königs Smbat, bezeichnet.

Im 11. Jahrhundert fielen türkische Stämme aus Zentralasien ein und gründeten 1071 das seldschukische Reich. Viele Historiker argumentieren, dass das wichtigste Erbe der seldschukischen Türken die Sprache sei, da die türkische Sprache dazu führte, dass viele halbnomadische Stämme in Transkaukasien sich trotz fehlender türkischer Ethnizität als Türken identifizierten. Gegen Ende des Jahrhunderts erlangten die Christen jedoch ihre Unabhängigkeit zurück und die armenischen Fürsten übernahmen die Kontrolle über die Region. Das 12. Jahrhundert leitete eine Periode feudaler Fürstentümer ein, welche zum Bau vieler Klostergründungen führte.

Als die Mongolen im Jahre 1235 in die Region einfielen, zerstörten sie einen Großteil Transkaukasiens und siedelten halbnomadische türkische und kurdische Hilfstruppen in der Region an, was dazu führte, dass mehrere armenische Fürstenfamilien entweder vernichtet oder ins Exil geschickt wurden. Die Einflüsse der türkischen Sprache vertieften sich mit der Ankunft der Oghuz-Türken, die im Jahre 1299 das Osmanische Reich gründeten und nach zwei erfolgreichen Kriegen gegen die Perser und den safawidischen Iran Anfang des 16. Jahrhunderts ihre Präsenz in der Region festigten. Diese Gebietsgewinne dauerten jedoch kaum mehr als ein Jahrhundert an. Bald betrat Russland die  Szene, was zu einem Dreikampf zwischen der ottomanischen Türkei, dem kaiserlichen Russland und dem safawidischen Iran um die Region führte.

Das Kloster Amaras ist neben seiner Eigenschaft als erste armenische Sprachschule auch die Beherbergungsstätte des Grabes des Hl. Grigoris, des Enkels des Hl. Gregor des Erleuchters und Katholikos von Neu-Albanien. Amaras wurde im 13. Jahrhundert von den Mongolen geplündert und 1387 durch die Feldzüge von Tamerlan, des „Schwertes des Islam“, entweiht, im 16. Jahrhundert erneut zerstört, nur um im 17. Jahrhundert mit einer befestigter Mauer wiederaufgebaut zu werden. Später aufgegeben und danach von den zaristisch russischen Truppen als Grenzfestung benutzt. Danach wiederaufgebaut und mit den Spenden der Armenier aus der Stadt Shushi 1858 wieder als Kirche eingeweiht. Dieses Foto wurde 2015 aufgenommen.

Eine andere Ansicht der Krypta von Amaras, 2015.

Im Gegensatz zur größtenteils homogenen Selbstidentität der Armenier entwickelte sich die aserbaidschanische Identität erst vor kurzem und hat ein oberflächliches Erscheinungsbild. Die Verweise auf diese türkischsprachige Bevölkerung als „Aserbaidschaner“ oder als „Aseri“ kamen erst im frühen 20. Jahrhundert auf, als 1918 die kurzlebige aserbaidschanische demokratische Republik gegründet wurde. Zuvor wurde die Bevölkerung als „kaukasische Tataren“ oder einfach als „Tataren“ bezeichnet. Im Gegensatz zu den Armeniern, die eine eigene Sprache, ein eigenes Alphabet und eine eigene Religion hatten, schauten die Aserbaidschaner nach Außen und identifizierten sich einerseits sprachlich und ethnisch mit den Türken und andererseits religiös – aufgrund ihres schiitisch-muslimischen Glaubens – mit den Iranern. Diese Aufteilung zwischen der türkischen und der persischen Welt dürfte möglicherweise dazu beigetragen haben, ein ausgeprägtes aserbaidschanisches nationales bzw. ethnisches Bewusstsein zu entwickeln.

Die Ansprüche der kaukasischen Tataren auf Berg-Karabach datieren aus dem späten 19. Jahrhundert, als die Russen 1868 bei der Gründung des Gouvernements Elisabethpol (Link: https://en.wikipedia.org/wiki/Elisabethpol_Governorate) Karabach den Ebenen im Osten angliederten, in denen diverse halb-nomadische Hirtenvölker wie kaukasische Tataren, Talyschen, Taten und Lesgier lebten. Diese territoriale Reorganisation führte im 20. Jahrhundert zu konkurrierenden Ansprüchen zwischen Armenien und Aserbaidschan auf Berg-Karabach, was durch die Entscheidung von Joseph Stalin, die Entscheidung des Kaukasischen Büros der KPdSU außer Kraft zu setzen und das autonome Gebiet von Berg-Karabach nicht der armenischen SSR, sondern der neu geschaffenen aserbaidschanischen SSR anzugliedern, noch mehr verschärft wurde.

Der Blick von Shushi aus. 2010.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts übte das Konzept des Pan-Türkismus einen großen Einfluss auf die Selbstidentität der Aserbaidschaner aus. Der Pan-Türkismus, der sich während des Niedergangs des Osmanischen Reiches ausbreitete, propagierte die Vereinigung aller türkischen Völker vom Balkan bis nach West-China, wobei Armenien das einzige geographische Hindernis ist, das eine vereinigte türkische Welt voneinander trennt. Darüber hinaus begannen die Armenier nach dem Einmarsch der „kaukasischen Islamarmee“ der Osmanen im Kaukasus gegen Ende des 1. Weltkrieges, um die Ansprüche der Aserbaidschaner auf Berg-Karabach zu unterstützen, die kaukasischen Tataren mit den Osmanen und Jungtürken gleichzusetzen, die in den Jahren 1895-1896 Massaker an den Armeniern und 1915 den Völkermord an den Armeniern begangen hatten.

Natürlich stellte die Präsenz der armenischen Kulturstätten, die dem Auftauchen der kaukasischen Tataren in der Region um mehrere Jahrhunderte vorausliegen, ein Problem für die territorialen Ansprüche Aserbaidschans dar, da sie die so genannten historischen Rechte Aserbaidschans auf Berg-Karabach unterminieren. Obwohl niemand bestreiten würde, dass in Transkaukasien viele ethnische Gruppen lebten und zu dessen facettenreichen kulturellen Landschaft beitrugen, ist es schwer zu glauben, dass die Aserbaidschaner, deren Identität durch die Annahme des Islams geprägt wurde, die Erben von christlichen Kulturstätten sein können. Als ethnische Armenier begannen, ihre Rechte auf Selbstbestimmung auszuüben und die armenische Bevölkerungsmehrheit von Berg-Karabach im Einklang mit der sowjetischen Verfassung ihre Forderung artikulierte, aus der aserbaidschanischen SSR auszutreten, verlangten die ohnehin schwachen Verbindungen Aserbaidschans zu Berg-Karabach nach einem starken Argument.

Zu den Argumenten über die kaukasisch-albanische Historiographie: Die kaukasisch-albanische Historiographie, welche eine direkte Verbindung zwischen den heutigen Aserbaidschanern und dem verschwundenen Volk der kaukasischen Albaner beansprucht, hat ihre Wurzeln im Jahre 1947, als eine Gruppe von aserbaidschanischen Archäologen in der aserbaidschanischen SSR Überreste von kaukasisch-albanischen Inschriften entdeckte. Die Verbindung der Aserbaidschaner mit den ausgestorbenen kaukasischen Albanern war ein zulässiges Mittel, um eine nationale Identität innerhalb der Sowjetunion zu konstruieren. Dies ermutigte die Wissenschaftler, sich mit der Geschichte zu befassen, um die Schaffung von Sowjetrepubliken und ihre Grenzen zu legitimieren, was jedoch die muslimische, türkische und iranische Assoziierung Aserbaidschans einer Kritik unterziehen würde. 1965 veröffentlichte Ziya Bünyadov, der Vater der aserbaidschanischen Geschichtsschreibung, ein Buch über Kaukasisch-Albanien während der arabischen Periode, mit dem Titel „Aserbaidschan im 7. bis 9. Jahrhundert“. Neben mehreren dubiosen Behauptungen, die die Grundlagen seiner Konstruktion einer aserbaidschanischen nationalen Identität bilden, behauptete Bünyadov, dass die „Geschichte der Albaner“ von Movses Daskhurantsi aus dem 10. Jahrhundert ursprünglich in Kaukasisch-Albanisch (nicht Armenisch) verfasst worden und später ins Armenische übersetzt und vernichtet worden sei, obwohl keine Beweise für seine Behauptungen existieren und mehrere Wissenschaftler später aufzeigten, dass Bünyadov seine Übersetzungen verfälschte, indem er die armenische Herkunft von Daskhurantsi und vieler historischer Figuren, die eindeutig als Armenier beschrieben wurden, ausließ. Bünyadov theoretisierte auch, dass die armenischen Fürsten von Berg-Karabach, wie die Beglarian und Hasan Jalal – deren Namen man auf den Gründungsinschriften vieler armenischer Kathedralen finden kann – keine ethnischen Armenier, sondern armenisierte Albaner seien.

1986 argumentierte Farida D. Mamedova, eine Schülerin von Bünyadov, dass die geographischen und politischen Grenzen von Kaukasisch-Albanien weit ausgedehnter gewesen seien als vorher angenommen. Mamedova stellte die kaukasischen Albaner als eine integrierte ethnische Gruppe dar, und argumentierte, dass das mittelalterliche Berg-Karabach nicht armenisch gewesen sei und dass der Heilige Mesrop Maschtoz (der Schöpfer des armenischen Alphabets) nicht das armenische Alphabet erschuf, sondern lediglich das kaukasisch-albanische reformierte. Weiterhin argumentierte sie, dass die kaukasisch-albanische Kirche Jahrhunderte lang von der armenischen Kirche unabhängig gewesen und erst nach der arabischen Eroberung der armenischen Kirche unterstellt worden sei.

In klaren Worten: es war die Intention von Bünyadov und Mamedova jegliche Verbindung zwischen den untergegangenen kaukasischen Albanern und den heutigen Armeniern zu negieren und zugleich für die Aserbaidschaner eine alte indigene, wenngleich christliche, Vergangenheit zu beanspruchen. Obwohl fast jeder nicht-aserbaidschanische Historiker, der mit dem Thema in Berührung kam, die Gelehrsamkeit von Bünyadov und Mamedova schwer in Frage stellte, hat ihre revisionistische Märchenwelt es geschafft, im Bewusstsein der heutigen Aserbaidschaner die Auffassung zu verankern, dass nicht die Armenier, sondern die kaukasischen Tataren die Nachfahren der christlichen kaukasischen Albaner und – in der weiteren Betrachtung – die rechtmäßigen Eigentümer von Berg-Karabach seien.

Obwohl es in Arzach eine Koexistenz zwischen Armeniern und kaukasischen Albanern gab, wie der tiefe religiöse Austausch zwischen ihnen zeigte, versucht die aserbaidschanische Geschichtsschreibung über Kaukasisch-Albanien jeglichen Bezug auf Neu-Albanien, Albanien oder „Aghvank“ in Armenisch auf Kaukasisch-Albanien zu beziehen, um die armenische Präsenz in der Region zu verschleiern. In ähnlicher Weise soll die Behauptung, dass viele armenische Fürsten keine Armenier gewesen seien, dazu verleiten, all das, was die zeitgenössischen Historiker über diese Prinzen schrieben, in Zweifel zu ziehen. Zum Beispiel soll man glauben, dass der Titel von Hasan Jalal als „Fürst von Armenien“ lediglich dem Namen nach wäre und seine ethnische Zugehörigkeit praktisch nicht wiederspiegeln würde. Während zudem armenische und kaukasisch-albanische Fürsten sich – oft durch Mischehen – miteinander verbündeten, um gegen die Araber zu kämpfen, war gegen Ende der Chroniken von Daskhurantsi aus dem 10. Jahrhundert der Fürst von Albanien „Abu Ali, der gebürtige Armenier“, der Bruder des armenischen Königs Smbat – was bedeutete, dass in Berg-Karabach armenische und albanische Identitäten miteinander verschmolzen waren.

Die neuere aserbaidschanische Geschichtsschreibung hat die Armenier noch weiter aus ihrer Heimat vertrieben und behauptet, die Russen und Iraner hätten die Armenier im frühen 19. Jahrhundert in bestimmten Teilen des heutigen Armeniens – wie z.B. in der Hauptstadt Yerevan – und in Berg-Karabach angesiedelt. Aserbaidschanische Wissenschaftler untermauern derartige Ansprüche mit liederlichen Hinweisen auf die russischen Volkszählungen und verschaffen für sich einen Mantel der Glaubwürdigkeit, indem sie angesehene Akademiker wie George A. Bournoutian zitieren, was deren Werk pervertiert, während aserbaidschanische Staatsbeamte auf höchster Ebene postulieren, dass große Teile Armeniens wie Yerevan, Sewan und Zangezur „historische“ aserbaidschanische Gebiete seien.

Was bedeuten die kaukasisch-albanischen Behauptungen für das kulturelle Erbe von Berg-Karabach und warum befürchten viele Wissenschaftler, dass diese Stätten der „kulturellen Auslöschung“ ausgesetzt sind? Zunächst einmal wird dies wohl bedeuten, dass alle Elemente an diesen Stätten, die einzigartige oder charakteristisch armenische Merkmale aufweisen – die man nicht als kaukasisch-albanisch ausgeben kann – zerstört werden. Dies umfasst Folgendes:

1. Kuppel: Die meisten armenischen Kathedralen in der Region, einschließlich derer in den Klosteranlagen von Dadivank, Gandzasar und Gtitschavank weisen ähnliche architektonische Merkmale auf wie die Kathedrale von Etschmiadzin in Armenien (Link: https://armenianchurch.us/etchmiadzin/), welche der heilige Muttersitz der armenisch-apostolischen Kirche und eine der ältesten Kirchen in der Welt ist. Zu diesen architektonischen Merkmalen gehört ein kreuzförmiger Grundriss mit einer abgerundeten und spitzen Haube (d.h. der Kuppel) gekrönt wird. Die Kuppel ist eines der bekanntesten Merkmale der armenischen sakralen Orte. Von der aserbaidschanisch kontrollierten Stadt Shushi sehen wir bereits Fotos von der Zerstörung der als „Kanach Zham“ (Grüne Kapelle) bekannten armenischen Kirche Hl. Johannes der Täufer durch die Aserbaidschaner nach dem Waffenstillstand durch die Entfernung ihrer Kuppel. (Link: https://twitter.com/SaschaDueerkop/status/1329760278796513283). Getreu ihrer revisionistischen Taktik behauptet Aserbaidschan ohne jegliche Grundlage, dass die Kirche Kanach Zham aus dem frühen 19. Jahrhundert nicht armenisch, sondern russisch-orthodox sei.

Gtichavank in Hadrut wurde vor der jüngsten Aggression Aserbaidschans umfassend restauriert (2015). Diese Kathedrale steht jetzt unter aserbaidschanischer Kontrolle.

2. Gründungsinschriften und Stifterfiguren: Zwei weitere charakteristische Elemente des armenischen Kulturerbes sind die Inschriften, welche die Gründung der Kirche erläutern sowie die begleitenden Figuren der Kirchenstifter. Stifterfiguren sind an den armenischen Kirchen in der Region besonders einzigartig (Link: https://edoc.hu-berlin.de/bitstream/handle/18452/8347/carile.pdf), von denen die bemerkenswertesten im 9. und 10. Jahrhundert von der Dynastie der Bagratiden geschaffen wurden und typischerweise ein Model der Kirche in den Händen ihres Stifters darstellen. Als solche sind die Inschriften und Stifterfiguren die problematischsten Elemente für die aserbaidschanischen Behauptungen, die armenischen Kirchen seien kaukasisch-albanisch, weil die Inschriften in armenischer Schrift eingraviert sind und die Stifterfiguren armenische Adlige dokumentieren und darstellen, die die Kathedralen in Auftrag gaben und Land für den Bau der Klosteranlagen zur Verfügung stellten. Der aserbaidschanische Revisionismus macht wiederum ohne jegliche Basis geltend, dass diese Inschriften Jahrhunderte später von den Armeniern hinzugefügt wurden, um die kaukasisch-albanische Herkunft dieser Kathedralen zu vertuschen. Dementsprechend befürchten viele Menschen, dass, wenn die Gelegenheit da ist, Aserbaidschan die armenischen Inschriften dieser Kathedralen in Berg-Karabach bereinigen wird. Das aserbaidschanische Verteidigungsministerium veröffentlichte bereits ein Video von Dadivank. In den Aufnahmen fehlen bezeichnenderweise die Inschriften von Dadivank, die an der Innen- und Außenfassade häufig vorkommen.

Die äußeren Stifterfiguren von Dadivank und diverse Eingravierungen an der Fassade, die in armenischer Schrift angebracht sind.

In Dadivank erklären beispielsweise die Inschriften in mittelalterlichem Armenisch, dass im Jahre 1214 n. Chr. Königin Arzou von Haterk den Bau der Kirche in Gedenken an ihre Söhne stiftete und ihr Versprechen erfüllte, da sie selbst beabsichtigt hatten, die Kirche zu bauen, dies jedoch wegen ihres vorzeitigen Todes nicht tun konnten.

Ich Arzou Khatun, gehorsame Dienerin Christi… Frau von König Vakhtang, des Herrschers von Haterk und ganz Ober-Chatschen, baute mit großer Hoffnung diese heilige Kathedrale an der Stelle, wo mein Mann und meine Söhne in Frieden ruhen. Mein erstgeborener Sohn Hasan wurde im Krieg gegen die Türken wegen seines christlichen Glaubens zum Märtyrer und drei Jahre später schloss sich auch mein jüngerer Sohn Grigor Christus an. Fertiggestellt im Jahre 663 [des armenischen Kalenders].

An der Südfassade der Kathedrale sind die beiden Söhne Hasan und Grigor dargestellt, wie sie das Modell der Kirche präsentieren.

Die Stifterfiguren von Gandzasar mit dem armenischen Fürsten Hasan-Jalal (2015).

In Gandzasar, das 1216 zur Grabstätte der armenischen Fürsten von Chatschen wurde, sind die Inschriften über die Stiftung  im Innern der Kirche in ihren heiligsten Räumen eingraviert. An der Nordwand erklärt eine Inschrift den Wunsch von Fürst Hasan-Jalal Dawla den Bau des Klosters Gandzasar in Auftrag zu geben, dessen Bau im Jahre 1206 begann und bis 1238 dauerte. Die Stifterfigur an der Außenseite auf der Kuppel zeigt Fürst Hasan Jalal mit gekreuzten Beinen sitzend mit einem Modell der Kirche – eine Methode, die am seldschukischen Hof Macht demonstrieren soll. Obwohl Fürst Hasan Jalal Dawla (Großfürst der armenischen Dynastie von Chatschen) einen arabisch-inspirierten Namen annahm, wie es damals zeitgemäß war, wurde er von seinen Zeitgenossen als Armenier bezeichnet: „Hasan, der Großfürst  von Chatschen und der Region Arzach, den sie liebenswerterweise Jalal nannten, war ein frommer und gläubiger Mann und von Nationalität ein bescheidener Armenier.“ Aserbaidschanische Revisionisten wie Bünyadow und Mamedova behaupten jedoch, dass Hasan Jalal kein Armenier, sondern ein kaukasischer Albaner gewesen sei.

3. Chatschkare: Das Kreuz, das die Kreuzigung und Erlösung Jesu durch Kreuzigung darstellt, ist für die armenischen Christen ein wichtiger Bestandteil des Gottesdienstes bei ihren meditativen und frommen Handlungen. Die Armenier erschufen die Chatschkare – kunstvoll behauene armenische Kreuzsteine, mit einem Kreuz, welches auf einem Sonnen- oder Ewigkeitssymbol ruht. Die Chatschkare stehen auf der UNESCO-Repräsentativliste des immateriellen Kulturerbes der Menschheit (Link: https://ich.unesco.org/en/RL/armenian-cross-stones-art-symbolism-and-craftsmanship-of-khachkars-00434). Sie prägen sowohl die Landschaft Armeniens als auch Berg-Karabachs. Man findet sie an Straßenrändern, auf Berggipfeln und natürlich in Kirchen und Friedhöfen. Ihre Sockel sind oft von geschmolzenem Wachs der Kerzen bedeckt, die von betenden Christen angezündet wurden. Aktuelle Aufnahmen aus Hadrut zeigen das aserbaidschanische Militär beim Zerstören eines Chatschkares (Link: am/2021/01/12/azerbaijanis-destroy-armenian-cross-stone-in-occupied-artsakh-village/“>https://en.armradio.am/2021/01/12/azerbaijanis-destroy-armenian-cross-stone-in-occupied-artsakh-village/), einer Region, die Aserbaidschan während seines letzten militärischen Vormarsches in seinen Besitz brachte.

Ein Blick auf die Klosterbauten von Gtichavank aus dem Jahr 2015 mit einem in die Fassade eingebetteten großen Chatschkar

Es gibt über 4.000 armenische Kulturstätten in Berg-Karabach, einschließlich 370 Kirchen. Jetzt steht der Großteil dieses kulturellen Erbes unter der De-facto-Kontrolle Aserbaidschans, und trotz der Anwesenheit von russischen Friedenstruppen in einigen Regionen, besteht wenig Hoffnung, dass Aserbaidschan sie nicht zerstören wird. Die meisten Experten sagen voraus, dass der kulturelle Genozid durch Aserbaidschan langsam über mehrere Jahre, wenn nicht über Jahrzehnte, erfolgen wird, beginnend mit den neueren Kirchen aus dem 17. – 19. Jahrhundert (wie bei Ghazantschezoz oder Kanach Zham in Shushi), bevor es an die älteren, weniger bekannten geht (wie Okhte Drni in Hadrut und Yeghische Arakyal in Madaghis, welche die Grabstätte des Königs der kaukasischen Albaner, Vachagan des Frommen, beherbergt), um letztendlich mit den Kronjuwelen des armenischen kulturellen Erbes (wie Dadivank) zu Ende geführt zu werden.

In der Tat verhindert Aserbaidschan sogar vorläufige Bemühungen zur Sicherung dieses kulturellen Erbes, indem es fortfährt, unabhängigen Experten den Zugang zu verwehren, die den Bestand der Stätten in Berg-Karabach inventarisieren und den Zustand bewerten wollen. (Das macht es natürlich einfacher, armenische Stätten zu zerstören und danach zu behaupten, dass diese Stätten nie existiert hätten, wie Aserbaidschan es in seiner Exklave Nachitschewan bereits vorexerziert hat). Am 21. Dezember 2020 gab die UNESCO eine Presseerklärung heraus (Link: https://en.unesco.org/news/unesco-awaiting-azerbaijans-response-regarding-nagorno-karabakh-mission), in der sie die mangelnde Kooperation Aserbaidschans beklagte, auf die Forderung der UNESCO einzugehen, nach Berg-Karabach  – gemäß Entscheidung des zweiten Protokollausschusses der UNESCO (Link: https://en.unesco.org/sites/default/files/en_15_com_declaration_haut-karabakh_final_1.pdf) – eine unabhängige, technische Expertenmission zu entsenden, was Aserbaidschan den Berichten zufolge versucht hatte, zu verhindern.

Chatschkare säumen das Innere der Klostermauern von Gandzasar (2009).

Die christlichen religiösen Stätten von Berg-Karabach nehmen unzweifelhaft Bezug auf eine einzigartige armenische visuelle Tradition. Dennoch ist es unerheblich, zu versuchen, das christliche Erbe ausschließlich dem armenischen oder dem kaukasisch-albanischen Erbe zuzuordnen. Lebende Armenier verehren und nutzen diese Stätten und lebende Armenier werden jetzt von diesen Stätten ausgeschlossen. Deshalb sind die Aufrufe zur Rettung des armenischen Kulturerbes keine Appelle, die jahrtausendealten Denkmäler einer vergangenen indigenen Gruppe als künftige touristische Attraktionen zu bewahren, sie sind eher eine dringende Aufforderung, einen anhaltenden kulturellen Völkermord zu stoppen, bei dem Hunderte armenische Stätten in der heutigen Türkei und im Südkaukasus bereits ausradiert worden sind. Vorerst jedoch stehen noch die Stätten in Berg-Karabach nach Hunderten von Jahren der Eroberung und sind ein lebendiges Beispiel des langen christlichen Erbes der Region. Die kulturelle Landschaft von Berg-Karabach stellt daher eine eindrucksvolle Herausforderung für neuzeitliche, konkurrierende Territorialkonflikte dar. Jede ethnische Gruppe, die Berg-Karabach für sich beansprucht, muss zunächst ihre kulturellen Bindungen zu diesen Denkmälern darlegen. Oder, wie im Falle Aserbaidschans, es muss sie erst darlegen und sie danach auslöschen.


Übersetzung aus dem Amerikanischen
von Arman Simonian

Quelle:
https://hyperallergic.com

PDF auf Englisch herunterladen:
Why Armenian Cultural Heritage Threatens Azerbaijan’s Claims to Nagorno-Karabakh